Sommernacht
Es tickt. Ein Geräusch wie von einer alten Standuhr, schottisches Schloss, teatime Sir,
Sie haben geläutet, Ticktack. 1 Uhr 30 in der Nacht.
Aber hier gibt es keine Standuhr, keine Burg, keine Ritter. Hier ist Griechenland, da tickt nichts, die Uhren sind digital und aus China, das ganze Dorf schläft bei 30 Grad bewusstlos unterm Moskitozelt. Ab und zu jault eine Katze.
Ich folge dem Geräusch auf die Terrasse und finde mich auf dem Boden liegend wieder. Slippery, raindrops keep fallin on my head, vielleicht doch Schottland. Dann seh ich das Wasser die Hauswand herunterfließen.
Im Zimmer über mir, da, wo niemand wohnt, sprudelt eine Wasserleitung.
Die Leitung führt zum Spülkasten, und an der Wand ist ein Sperrventil, jawohl, hier ist Europa, internationale Klampnerstandards,
Yippiejajaj-yippie-yippie-yeah, Hornbach, ich komme!
Doch der Hahn ist tot und wirkungslos. Fontänen ergießen sich auf mein Haupt.
Wo ist der verdammte Haupthahn? Ich stolpere los. Kein Sperrventil weit und breit.
Ab und zu ne tote Kakerlake, die rückenschwimmen lernt. In der Hauptwohnung unten? Küche. Nix. Bad. Nix. Schlafzimmer. Nix. Aber durch die Decke kommt Wasser.
Weiter zum Keller. Nix! Lüftungsschacht. Nix!
Langsam beschleicht mich die Verzweiflung.
Nochmal alle Räume, alle Keller, neben dem Haus, hinter dem Haus, vor dem Haus, kein Haupthahn. Mittlerweile ist es halb drei nachts, und die einzige, die mir weiterhelfen kann, hört das Telefon nicht.
Zurück zur Quelle. Isolierband um die Leitung führt zu veritablen Fontainenformationen. Drei Uhr. Das handy steckt leuchtend im Mund, damit ich die Hände frei habe, und meine Zähne telefonieren nebenbei unkontrolliert meine Kontakte ab. Meine Schwester freut sich auch nachts über meinen Anruf, andere streichen mich vermutlich aus dem Freundeskreis. Aber ich operiere weiter am offenen Leck. So nass war ich nachts nie.
3 Uhr 30. Kurz bevor ich das Haus seinem Untergang überlasse, ein letzter Versuch.
Keine Gefangenen mehr. Zerstöre den automatischen Eingangsverschluss des Spülkastens und fixiere den Ausgang des Spülkastens mit der Klobürste. Sieht irre aus, aber der Druck aufs Leitungsleck lässt nach und das Wasser schießt volle Kanne in den Spülkasten und durchs Klo wieder raus dahin, wo es hingehört. Jedenfalls das meiste.
Hatte ich erwähnt, dass ich in Physik immer eine Fünf hatte?
Um vier Uhr ruft Maria zurück und sagt mir, wo der Haupthahn ist.
Im Blumenbeet vor meiner Tür, tief im Mutterboden, hübsch bewachsen und gegossen.
Alles wird gut.
Mit einem erschöpften Bier im Morgengrauen.