Aus einem Essay von Ullrich Fichtner im Spiegel 24/2022:
„Angst war auch ein entscheidender Grund, warum der Frieden in unseren Breiten nach dem Zweiten Weltkrieg so dauerhaft war. Der 2017 verstorbene Historiker Hans-Peter Schwarz hat in einem seiner Aufsätze vorhergesagt, dass der Kalte Krieg, »vom guten Ende her analysiert«, mehr und mehr verharmlost werden würde, wodurch die »fast unerträglichen und nur schwer steuerbaren Risiken« jener Jahrzehnte völlig verkannt würden. »Tatsächlich«, schrieb Schwarz im Jahr 2000, »muss es aber als ein Wunder betrachtet werden, dass ein erneuter globaler Weltkrieg vermieden wurde.«
Dass es gelang, verdankt sich laut Schwarz zuerst dem Vorhandensein von Atomwaffen auf beiden Seiten, »das keine Sieger in einem Krieg mehr erwarten ließ«. Als zweiten wesentlichen Grund nennt er die »globale militärische, ökonomische und politische Präsenz der USA«. Und die Anwesenheit dieses wohlwollenden, wenn auch nicht uneigennützigen Hegemons machte drittens schließlich die Etablierung von funktionierenden Marktwirtschaften möglich, die so viel Wohlstand produzierten, dass darüber die Kriegslust einschlief.
Diese Zeilen, vor 20, 30 Jahren gelesen, hätten wohl irgendwie konservativ und CDU-nah geklungen, weil in ihnen der antiamerikanische Zungenschlag fehlt, weil die Atombewaffnung und der Kapitalismus nicht verurteilt, sondern neutral und letztlich sogar positiv dargestellt werden. Dass dieser »Ideologieverdacht« heute nicht mehr sofort aufkommt, zeigt einen wichtigen Wandel an, der für die Zeitenwende fruchtbar werden kann.
Es bietet sich die Möglichkeit, noch einmal neu auf Geschichte zu schauen. Zu überlegen, ob man an früheren Kreuzungen vielleicht anders hätte abbiegen können und ob nicht in Deutschland die Haltung zu Fragen des Militärs und der Macht letztlich immer uninformiert und seltsam unaufgeklärt war.
Dieses unangenehme Urteil ergibt sich aus den Befunden des Historikers Schwarz, die bei heutiger Lektüre eine ganze Reihe politischer und historischer Gewissheiten infrage stellen. Der linksliberale, antimilitaristische Mainstream zu Zeiten der guten alten Bundesrepublik etwa: Er mag in seinem nostalgischen Nebel wie ein schönes Gestern aussehen, war aber womöglich eine durch und durch verlogene Veranstaltung. Denn wenn es stimmt, dass der Frieden in Europa im Wesentlichen den Atomwaffen und den Amerikanern zu verdanken ist, dann hieße das ja, dass der ganze gemütliche pazifistische Lifestyle nur möglich war, weil kriegerische Falken die ganze Zeit über ihn wachten.
In diesem Licht sieht die ganze bundesdeutsche Friedensbewegtheit, samt ihrem eingefleischten Antiamerikanismus, wie der moralische Luxus einer Gesellschaft aus, deren Sicherheit – ausgerechnet durch die Amerikaner – ohne eigenes Zutun garantiert war. Und man könnte gar auf die ketzerische Frage kommen, ob die Nato und die Atomraketen am Ende mehr für den Weltfrieden getan haben als Heinrich Böll und Petra Kelly, die 1981 im Bonner Hofgarten zur Masse der Friedensdemonstranten sprachen. Ja, das klingt provokant. Aber es könnte der Beginn einer wichtigen Diskussion sein.“